Folge 35: GEO aus Unternehmersicht – Interview mit Christoph Burseg
In den bisherigen Folgen der GEO Know How Academy lag der Fokus auf Theory, Facts & Cases und Tools. Jetzt erweitern wir das Format: Willkommen zur ersten Interview-Folge.
Christoph Burseg ist ein erfahrener Unternehmer und Berater mit über 15 Jahren SEO-Expertise auf Topniveau. Sein Fokus liegt auf Wachstum – heute würde man sagen: AI Growth. In diesem Gespräch teilt er seine Perspektive auf GEO aus Unternehmersicht: Wie hat sich sein Suchverhalten durch KI-Systeme verändert? Welche Unternehmen sollten in GEO investieren – und welche nicht? Ist GEO ein Performance-Kanal oder ein Branding-Kanal? Und wie sollte ein CMO mit begrenztem Budget zwischen SEO und GEO priorisieren?
Christoph bringt eine kritische, unaufgeregte Perspektive mit – fernab von Hype und Marketing-Versprechen. Diese Folge zeigt, wie ein erfahrener Praktiker GEO einordnet und wo die Grenzen der aktuellen Messbarkeit liegen.
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Inhaltsverzeichnis
ToggleWie hat sich das Suchverhalten durch KI-Systeme verändert?
Christoph Burseg beschreibt eine klare Entwicklung seines eigenen Suchverhaltens: Früher wurde den ganzen Tag über gegoogelt – hunderte Male täglich. Mit dem Launch von ChatGPT verschob sich die Nutzung massiv: Fast alle Anfragen wanderten zu ChatGPT, die Google-Nutzung ging stark zurück.
Heute hat sich das Verhalten erneut verändert. Christoph nutzt mittlerweile fast so viel Google wie früher – allerdings mit einer klaren Aufteilung:
Google: Für Fakten und Transaktionen
Für Informationsbeschaffung, Quellensuche und transaktionale Anfragen (Preisvergleich, Lieferzeiten, konkrete Produkte) bleibt Google die erste Wahl.
Gemini: Für Sparring und Diskussion
Für mehrstufige Themen, Diskussionen und Sparring nutzt Christoph Gemini. KI-Systeme dienen als Gesprächspartner, nicht als reine Suchmaschine.
Die zentrale Erkenntnis: KI-Systeme ersetzen Google nicht vollständig, sondern ergänzen es. Die Nutzung teilt sich auf – je nach Intent und Aufgabe.
Welche Unternehmen sollten in GEO investieren?
Nicht jedes Unternehmen profitiert gleichermaßen von GEO-Maßnahmen. Christoph unterscheidet klar zwischen Marken, die bereits eine starke Bekanntheit haben, und solchen, die noch um Sichtbarkeit kämpfen.
Große, etablierte Marken – lokal oder überregional – sind in KI-Systemen meist bereits gesetzt. Der messbare Uplift durch GEO-Maßnahmen ist hier gering. Diese Unternehmen haben noch Zeit, sich intensiv mit GEO zu beschäftigen.
Für Start-ups, neue Produkte oder Unternehmen mit wenig PR-Präsenz ist der Effekt zwischen „kein GEO“ und „GEO“ am größten. Hier lohnt sich der Einsatz, weil die Sichtbarkeit in KI-Systemen einen echten Unterschied machen kann.
Unternehmen, die wenig dafür sorgen, dass am Markt über sie gesprochen wird, profitieren besonders von GEO. Wer keine aktive PR betreibt, hat in KI-Systemen kaum Präsenz – hier kann GEO die Lücke schließen.
Die Analogie zur Marktforschung: Es gibt Marken, die ohne Impuls einfallen (Top of Mind), und Marken, die nur mit Impuls wiedererkannt werden (Aided Awareness). GEO wirkt vor allem bei Marken unterhalb der Top-of-Mind-Schwelle.
Wie wichtig ist die Darstellung bei Branded Prompts?
Wenn Nutzende eine Marke direkt in ein KI-System eingeben – etwa „Was kannst du mir zur Beratung von Christoph Burseg sagen?“ – stellt sich die Frage: Wie wichtig ist es, was dort steht?
Christophs Beobachtung: Large Language Models sind out of the box extrem positiv. In den meisten Fällen kommen eher positive Eindrücke, selbst wenn wenig Content vorhanden ist. Typische Formulierungen: „Laut eigener Aussage einer der größten …“ oder „bekannt für …“.
Damit eine LM negativ über jemanden berichtet, muss schon richtig etwas vorgefallen sein. Die Systeme sind optimistisch und versuchen, hilfreiche, bestätigende Antworten zu geben.
Das bedeutet: Selbst wenn Unternehmen sich nicht aktiv um ihre Markenpräsenz in KI-Systemen kümmern, wird oft schon automatisch versucht, Positives zu finden. Dennoch bleibt es wichtig, die eigene Darstellung zu beeinflussen – der Effekt ist jedoch häufig schon „out of the box“ vorhanden.
Halluzinationen und falsche Empfehlungen: Ein echtes Problem
Christoph berichtet von einem konkreten Fall: Ein Kunde nutzt regelmäßig Claude Code und fragt das System nach Empfehlungen. Claude Code empfahl, Duplicate Content zu entfernen – konkret sollten drei ähnliche Seiten zu einem Hauptkeyword zu einer Seite zusammengeführt werden.
Das Problem: Der Kunde rankte mit diesen drei Seiten auf Position 1, 2 und 5. Die Empfehlung von Claude Code wäre gewesen, Position 2 und 5 aus dem Index zu nehmen – und das System bezeichnete dies als „mit Abstand den größten Wachstumshebel“.
Solche Fehler passieren häufig. Christoph hat eine einfache Methode entwickelt, um die Zuverlässigkeit von KI-Antworten zu testen:
Der Test: Auf fast jede Antwort kann man schreiben: „Oh, das überrascht mich, ich habe das genaue Gegenteil gehört.“ Die Reaktion ist fast immer: „Ah, da hast du sehr gut aufgepasst, Christoph, und du hast recht.“
Diese Tendenz zur Bestätigung nervt Christoph – und zeigt die Grenzen der aktuellen Systeme. Er nutzt KI-Systeme daher nur für klar umrissene Aufgaben (z. B. „Welcher Tisch ist höher?“ oder „Welches Auto hat mehr PS?“), nicht aber für komplexe Beratungsfragen wie „Welche von drei Agenturen ist für meinen Zweck die beste?“.
GEO als Performance-Kanal oder Branding-Kanal?
Christoph hat sich intensiv mit Werbewirkungsforschung beschäftigt und zieht Parallelen zu klassischen Werbeformaten. Seine Einschätzung: GEO wirkt derzeit eher wie ein Branding-Kanal mit geringer direkter Performance-Wirkung.
Kurze Sichtbarkeit
Aus der Werbeforschung ist bekannt: Werbewirkung tritt nur ein, wenn ein Element mindestens 3 Sekunden im sichtbaren Bereich ist und die Augen darauf ruhen. Bei Textantworten in KI-Systemen ist das selten der Fall – Nutzende lesen schnell durch, ohne lange auf einzelnen Markennamen zu verweilen.
Keine visuelle Identität
Text ist Text – keine Firmenfarben, kein Logo, keine visuelle Identität. Die Werbewirkung ist dadurch deutlich geringer als bei klassischen Display-Formaten.
Wenig dauerhafte Wirkung
Um Meinungen nachhaltig zu beeinflussen, braucht es viele Wiederholungen. Eine einmalige Erwähnung in einer KI-Antwort reicht nicht aus, um eine dauerhafte Markenwahrnehmung zu schaffen.
Christoph zieht eine Parallele zu YouTube: Ein 90-minütiges Video zählt als ein View – genauso wie ein 10-sekündiges TikTok-Video. Ähnlich verhält es sich mit Impressions, Citations und Mentions in KI-Systemen: Die Metriken sind aufgebläht, haben aber nicht den „Wums“ klassischer Performance-Kanäle.
Fazit: GEO ist derzeit eher ein Branding-Kanal mit schwer messbarem Impact – kein Performance-Kanal mit klarem ROI.
Wie sollte ein CMO das Budget zwischen SEO und GEO aufteilen?
Christoph wurde gefragt: „Du bist CMO einer großen Firma, hast 1 Million Euro Budget fürs ganze Jahr – wie teilst du es zwischen SEO und GEO auf?“
Seine Antwort: Gar nicht trennen.
Google selbst sagt: SEO und GEO sind kein „zwei Paar Schuhe“, sondern GEO ist downstream von SEO. Christoph sieht das genauso: Wer gutes SEO macht, hat automatisch auch einen positiven Effekt auf GEO.
Crawlability sicherstellen, technische Auszeichnung von Informationen (strukturierte Daten), beschreibende Zwischenüberschriften, interne Verlinkung – all das zahlt auf SEO und GEO ein.
Wenn überhaupt eine Aufteilung nötig ist, dann vielleicht 80/20 – aber eigentlich sollte das Budget einfach in „Crawlability, Indexability und das Anbieten von nachgefragtem Content“ fließen.
Christoph würde sich freuen, wenn CMOs einfach 1 Million Euro in die Grundlagen investieren: Crawlability, Indexability, nachgefragter Content. Das wirkt auf beide Kanäle.
Hat GEO-Sichtbarkeit überhaupt einen Wert?
Christoph ärgert sich über die Aufregung rund um GEO – nicht, weil es sinnlos wäre, sondern weil die Effekte im Verhältnis zu Kosten und Erwartungen oft kleiner sind als erhofft.
Seine Position:
- Der monetäre Wert von GEO-Sichtbarkeit ist definitiv da – aber er ist downstream von SEO.
- Das Problem: Es wird oft der Eindruck vermittelt, man habe „mega Kontrolle“ und könne Dinge erreichen, die ohne Spezialwissen unmöglich wären.
- Tatsächlich ist die Darstellung gut strukturierter Information wertvoll – egal in welchem System. Wer das als Dienstleister gut hinbekommt, liefert echten Wert.
Christoph vergleicht die aktuelle GEO-Diskussion mit der Attribution-Debatte: Jahrelang dachte man, Attribution sei die Lösung aller Probleme. Heute, 2026, funktioniert Attribution immer noch „mega bescheuert“ und wird nur noch schlechter.
Sein Appell: Kritisch überlegen, wie stark man an die Maßnahmen glaubt und wie gut man in 5 Wochen messen kann, ob sie wirklich auf die Ziele einzahlen.
Wo sind die GEO-Erfolgsgeschichten?
Christoph vermisst die großen Erfolgsgeschichten. Bei SEO gab es früher – 2002, 2003 – schnell sichtbare Erfolge: Kleine Anbieter, die durch SEO plötzlich massiv wuchsen. Unternehmer, die nach 3 Monaten mit Ferraris herumfuhren und sagten: „Das habe ich alles durch SEO erreicht.“
Das war der Funke, der SEO so spannend machte: David konnte Goliath schlagen – messbar, nachvollziehbar, durch Technik.
Bei GEO sieht Christoph das noch nicht:
- Keine kleinen Anbieter, die sagen: „Wir hatten nie eine Chance in unserem Markt, seitdem wir GEO machen, haben wir den zehnfachen Umsatz.“
- Die Leute, die erfolgreich auftreten, sagen nicht: „Hier ist meine GEO-Strategie“, sondern: „Ich helfe euch bei der GEO-Strategie.“
Dieser Unterschied lässt Christoph abwarten. Er fragt: Ist jetzt der Moment für GEO wie 2002/2003 für SEO? Seine Antwort: Noch nicht klar erkennbar.
Ein konkretes Beispiel: Die Hundesteuer-Studie
Christoph berichtet von einem Case, den er begleiten durfte: Eine große Studie mit Umfragen und vielen Pressemeldungen wurde durchgeführt. Die Frage war: Hat das einen Effekt auf GEO?
Das Ergebnis:
- Direkt nach der Veröffentlichung: Klarer Effekt. Wenn man fragte „Wer ist für dieses Thema der beste Anbieter?“, kam die Antwort: „Dieser Anbieter, weil er in aktuellen Studien gerade besonders gut abgeschnitten hat.“
- 5 Wochen später: Christoph testete dieselbe Abfrage erneut – kein Ton mehr über die Studie.
Die Erkenntnis: Die Halbwertzeit war relativ kurz. Das muss beim Pricing und Aufwand einberechnet werden.
YouTube als Quelle für LLMs: Was bedeutet das für Content-Strategien?
YouTube ist eine der häufigsten Quellen, die von Large Language Models genutzt werden. Christoph ist ein großer YouTube-Fan – und gleichzeitig ein „gebranntes Kind“.
2016 dachte er: „Jetzt noch einen YouTube-Kanal aufmachen ist viel zu spät.“ Er entwickelte zwei Jahre lang eine SaaS-Lösung für YouTube, zeigte sie dann erstmals anderen – und die Reaktion war: „Mega geil, aber eigentlich brauchen wir was anderes.“
Seitdem hat er nie in großem Stil YouTube gemacht – und bereut es.
Seine klare Aussage: Zu jedem Zeitpunkt, seit es YouTube gibt (seit 2004, seit dem ersten Video aus dem Zoo mit den Elefanten), war es ein guter Zeitpunkt, mehr auf YouTube zu machen. Und der nächstbeste Zeitpunkt ist morgen.
Wenn YouTube-Content auch noch für GEO gut ist – umso besser. Guter YouTube-Content ist wahnsinnig wertvoll.
Wo trägt SEO-Erfahrung bei GEO?
Christoph hat über 15 Jahre SEO-Erfahrung auf Topniveau. Wo hilft das bei GEO?
Seine Antwort: Durch das Interesse an GEO bewegt sich auf einmal wieder Budget und Interesse, Dinge zu machen.
Content-Identifikation
Plötzlich kann man sagen: „Hier haben wir noch 40 Themen, zu denen wir eigentlich eine Haltung online haben sollten. Da können wir Content produzieren – und das wird für GEO super klappen.“
Content-Restrukturierung
Bestehender Content kann neu strukturiert werden – für bessere Crawlability, Indexability und Zitierfähigkeit.
Outreach
Damit Content über die eigene Marke auch auf anderen Webseiten passiert – klassisches Offpage-SEO, das auch für GEO wirkt.
Budget-Effekt
Alles, was wahrscheinlich Impact auf GEO hat, wird gerade einfacher, weil Budget zum Thema GEO fließt. Die Maßnahmen unterscheiden sich nicht dramatisch vom typischen SEO – aber es fließt Geld.
Christophs Fazit: Alle Maßnahmen sind irgendwie schon bekannt. Aber durch GEO kann gerade Geld in diese Maßnahmen fließen – und das findet er super.
Ist Googles AI Mode für SEO eine existentielle Frage?
Abschlussfrage: Ist Googles AI Mode für SEO eine existentielle Bedrohung – oder nur ein Update unter vielen?
Christoph hat kürzlich für einen Kunden analysiert, warum Traffic verloren geht. Die Frage war: Wie viel davon ist schlechte SEO-Arbeit, wie viel AI Overviews, wie viel veränderte Nachfrage?
Das Ergebnis (transaktionaler Bereich):
- Für bestimmte Themen: 20 % weniger Impressions – obwohl der Kunde dauerhaft auf der ersten Seite rankt.
- Die Korrelation zwischen „die Nachfrage ändert sich“ (also das eingetippte Suchwort ändert sich) war größer als der Effekt durch AI Overviews.
Christophs Einschätzung zu AI Overviews: Die Relevanz, der Impact, die Wichtigkeit, organisch in der Websuche zu ranken, ist weiterhin ziemlich stark. AI Overviews waren bisher nicht wahnsinnig negativ – außer in speziellen Bereichen wie Gesundheitsportalen.
Zum AI Mode: Christoph findet ihn „wahnsinnig life changing“ – aber er hat großes Vertrauen, dass es langsam geht.
Rechenpower-Limitierung
Die Rechenpower, die für den AI Mode nötig ist, ist momentan kaum zu leisten. Das bremst die Entwicklung.
Monetarisierung schwierig
Google muss verhindern, dass die Google Ads-Erlöse wegbrechen. Das zeigt: Es ist nicht so einfach, den Traffic aus einem KI Mode gut zu monetarisieren – selbst für einen Anzeigenanbieter wie Google.
Langfristige Entwicklung
Christoph erwartet den großen Impact nicht in den nächsten 12 Monaten – und länger plant er eh nicht in seinem Leben.
Fazit: GEO aus Unternehmersicht – kritisch, pragmatisch, abwartend
Christoph Burseg bringt eine erfrischend kritische Perspektive in die GEO-Diskussion. Seine wichtigsten Erkenntnisse:
- GEO ist downstream von SEO: Wer gutes SEO macht, hat automatisch auch einen positiven Effekt auf GEO. Eine strikte Trennung ist nicht sinnvoll.
- Der Effekt ist da – aber kleiner als erhofft: GEO hat einen Wert, aber die Effekte im Verhältnis zu Kosten und Erwartungen sind oft geringer als versprochen.
- Etablierte Marken profitieren weniger: Große Marken sind in KI-Systemen meist bereits gesetzt. Start-ups und Unternehmen mit wenig PR profitieren am meisten.
- GEO ist eher Branding als Performance: Die Werbewirkung ist gering, die Messbarkeit schwierig. GEO ist kein Performance-Kanal mit klarem ROI.
- Die Halbwertzeit ist kurz: Selbst große Kampagnen verlieren nach wenigen Wochen ihre Sichtbarkeit in KI-Systemen.
- Es fehlen die Erfolgsgeschichten: Anders als bei SEO 2002/2003 gibt es noch keine kleinen Anbieter, die durch GEO massiv gewachsen sind.
- Budget fließt – und das ist gut: Durch das Interesse an GEO bewegt sich Budget in sinnvolle Maßnahmen: Content-Produktion, Restrukturierung, Outreach.
Christophs Haltung ist nicht ablehnend – aber unaufgeregt. Er sieht GEO als sinnvolle Ergänzung, nicht als Revolution. Wer in Grundlagen investiert (Crawlability, Indexability, nachgefragter Content), macht automatisch auch GEO – und das ist der pragmatischste Weg.
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